Riskante Anlage-Alternativen für Lebensversicherer

In Europa hat Geld keinen Preis mehr. Die Tugend des Konsumverzichts und die Kultur des Vorsorgesparens soll ausgerottet werden. Wir leben in einem von der Europäischen Zentralbank (EZB) gesteuerten Markt.

Jetzt kommt auch noch ausgerechnet die europäische Versicherungsaufsicht und animiert Versicherungskonzerne zu Investitionen in umstrittene Kreditverbriefungen. Diese „Asset Backed Securities“ (ABS) waren übrigens der toxische Auslöser der letzten Banken- und Finanzkrise.

Mit den neuen Regeln für die Kapitalanlage der Versicherer können die Aufsichtsbehörden Kapital in eine politisch erwünschte Richtung steuern. Die EZB signalisierte, dass sie jetzt bereit sei ABS-Papiere anzukaufen. Das Ziel scheint zu sein, Banken von Lasten zu befreien, welche die Wertverluste bei ABS-Kreditverbriefungen verursachen können.

Die Entscheidung der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA) erleichtert auch der Assekuranz den Ankauf von ABS. Für Versicherer ist es leichter möglich Kreditverbriefungen als Kapitalanlage zu kaufen, weil die dafür erforderliche Unterlegung mit Eigenmitteln abgesenkt wurde.

Die eigentliche Pflicht der Versicherungsaufsicht wäre es Lebensversicherer zu kontrollieren, ob die Versicherer ihre Leistungsversprechen gegenüber den Versicherten auch jederzeit sicher einlösen können. Aktuell erweisen sich die Regeln für Eigenkapital-Unterlegung in der Assekuranz seitens der „Aufseher“ als kontraproduktiv und ermöglichen sehr riskante Investitionen.
Werden Staatsschulden und Bank-Risiken auf Sparer abgewälzt?

Die Aufgabe der Rechenmodelle und Szenarien von Solvency II sind praxisnahe Abbildung der Risiken der Versicherer. Je weiter die Marktzinsen sanken, wurden marktferne Annahmen in die Modelle eingebaut, um noch akzeptable Solvenz-Quoten zu erreichen. In den Szenarien wird ein über die Zeit risikoloser Zins von vier Prozent unterstellt, obwohl es aktuell im Markt für zehnjährige deutsche Staatsanleihen weniger als einen halben Prozentpunkt Zins gibt.

„Die Kunden müssen sich sicherlich 2015 auf gleichbleibende oder sinkende Renditen einstellen“, sagt Elke König, Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), noch bis Mai 2015. Die Chefin der Aufsicht glaubt an eine lang andauernde Niedrigzinsphase.
Der Durchschnittswert der Verzinsung bei Lebensversicherungen liegt, nach einer Studie der Rating-Agentur Assekurata, mit 3,2 Prozent um 0,2 Prozentpunkte niedriger als noch in 2014.

Die Suche nach sicheren Kapitalanlagen gehört zum Geschäftsmodell der Lebensversicherung, sie ist ein Teil des Risikoausgleichs in der Zeit.

Einige Lebensversicherer haben alternative Modelle
Erste Anbieter, wie der Marktführer Allianz SE und oder die Ergo Versicherungsgruppe AG, ein Erstversicherer der Munich Re AG, haben erfolgreich den Vertrieb von Policen mit alternativen Garantie-Modellen begonnen. Anbieter, wie der Beamtenversicherer Debeka Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit oder die Generali Deutschland AG, fordern einen langsamen Aufbau der Zinszusatzreserve, um eine Überforderung mit der ab 2016 umgesetzten Solvency II zu vermeiden.

Die von der Versicherungsaufsicht angewandte Formel für den „Stresstest“ wird von einigen Mathematikern als fehlerhaft kritisiert. Der Referenzzins sollte nach Meinung dieser Experten stärker auf die tatsächliche Kapitalanlage abgestimmt werden. Die (Zins-)Zusatzreserve sollte ein Teil der Eigenmittel der Versicherer sein, ist von den Aktuaren zu hören. Das verwundert, handelt es sich hier nicht um „versicherungstechnisches Fremdkapital“ und „dessen Erträge“?

Für die Versicherten können auf Dauer die Erträge wegen der künstlichen EZB-Niedrigzinspolitik sinken. Hier sollen Bankrisiken und Staatsschulden zu Lasten der Vorsorgesparer abgebaut werden. Die EZB-Politik habe die deutschen Vorsorgesparer seit 2010 etwa 23 Milliarden Euro gekostet, laut dem „Weltvermögensbericht 2014“ der Allianz Deutschland AG.

Verschärfte Eigenkapital-Regeln für Lebensversicherer ab 2016
Die Aufsicht BaFin hat die deutschen Lebensversicherer zur Eigenmittelsituation unter Solvency II-Bedingungen getestet. Der Assekuranz half beim Test noch eine Übergangszeit von 16 Jahren und Toleranzen in der Modell-Formel.

Wenige Versicherer mit einem gemeinsamen Marktanteil von unter ein Prozent konnten keine ausreichenden Eigenmittel nachweisen. Diese Ausreißer müssen jetzt innerhalb einer Frist nachbessern. Ohne Übergangsmaßnahmen lägen allerdings die Eigenmittel bei jedem vierten Lebensversicherer, die gemeinsam auf einen Marktanteil von zehn Prozent haben, unterhalb der aufsichtsrechtlichen Anforderungen.

Die BaFin schätzt, dass den deutschen Lebensversicherern ohne Anwendung der zurzeit gültigen Übergangsmaßnahmen bereits 15 Milliarden Euro in den Eigenmitteln fehlen würden.
Zusätzliche Reserven für garantierten Leistungen

Die „klassische“ deutsche Lebensversicherung bietet traditionell Verträge mit mittel- und langfristigen Zinsgarantien. Unter der Bewertung von Solvency II-Regeln werden Risiken sichtbar, welche (Zins-)Garantien mit sich bringen.

Den Lebensversicherern steht als bewährtes versicherungsmathematisches Instrument die sogenannte Anpassung der Volatilität zur Verfügung. Es handelt sich hierbei um einen kalkulierten Aufschlag auf die Zinskurve, um Schwankungen in den Ergebnissen aufgrund von Über- oder Untertreibungen im Markt über die Zeit zu glätten. Die deutschen Lebensversicherer müssen sich die Anwendung solcher Maßnahmen von der BaFin genehmigen lassen. Die konkrete Höhe des Zuschlages legt die EIOPA fest.

Die BaFin hatte die Lebensversicherer bereits im Jahr 2011 per Rundschreiben aufgefordert, eine Zinszusatzreserve aufzubauen. Ziel ist die Sicherung der Alt-Garantien von 4,0 und 3,5 Prozent die den Bestandskunden gutgeschrieben werden müssen. Seit 2014 sank durch fallende Marktzinsen der Referenzzins für die risikofreie Anlage in Staatsanleihen bester Bonität aus dem Euroraum auf unter 3,25 Prozent.

Einige Lebensversicherer müssen aktuell Verträge mit den Versicherten nachreservieren, die noch vor wenigen Jahren mit 3,25 Prozent Garantiezins angeboten wurden. Der Garantiezins liegt 2015 bei 1,25 Prozent und soll nach den Vorschlägen der Aktuare auch für 2016 konstant gehalten werden.

Die Zinszusatzreserve hat aktuell ein Volumen von über 20 Milliarden Euro erreicht. Das Geld fließt in Deckungsrückstellungen der Lebensversicherer. Die Mittel im Deckungsstock sind für Investitionen in riskante Kapitalanlagen aufsichtsrechtlich reguliert.

Vorsorgesparer sind die Verlierer beim EZB-Deal
„Den Deutschen seien seit 2008 hunderte Milliarden Euro entgangen – im Vergleich zu den Zinsen, die vor Ausbruch der Finanzkrise erzielt wurden. Da kommen Jahr für Jahr 60 bis 70 Milliarden Euro zusammen, Tendenz gleichbleibend“, sagt der Ökonom Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. in München

Die Lebensversicherer haben den Versicherten langfristig in vielen Tarif-Kollektiven 3,1 Prozent Garantiezins zugesagt. Nur mit traditionellen Zinspapieren, wie den aktuellen Staatsanleihen, ist diese Marge kaum zu erzielen.

Allerdings haben viele Versicherer noch Papiere mit einer zufriedenstellenden Duration in den Portfolien. Als Alternative könnte die Aktienquote in den Anlage-Portfolien steigen. Seit die Assekuranz im Jahr 2000 jedoch von schnell fallenden Börsenkursen überrascht wurde, ging die Aktienquote auf durchschnittlich drei Prozent zurück. Eine Alternative wären auch fondsgebundene Lebensversicherungen, da trägt aber der Versicherte allein das Anlagerisiko. Ist da die Kapitalanlage nichts mehr wert, dann ist wäre auch die Rente futsch.

Fazit:
Viele deutsche Versicherer sehen die Anlage in Aktien als riskante Anlageform. Aber selbst bei einer Aktienquote von 25 Prozent, die in der deutschen Versicherungswirtschaft fern jeder Realität ist, lassen sich anhaltende Niedrigzinsen kaum kompensieren. Dauerhaft niedrige Marktzinsen können zu Leistungskürzungen führen.

Eine Alternative kann über Infrastruktur-Investitionen mit staatlichen Garantien entstehen.

Wegen der biometrischen Herausforderung gilt aber, Lebensversicherung lohnt sich.

Der Grund ist sehr einfach: Keine andere Lösung ermöglicht in der Altersvorsorge den Risikoausgleich über das Kollektiv und den Ausgleich von Marktrisiken in der Zeit. Das Vorsorgesparen durch Konsumverzicht führt zu einer lebenslangen Rente. Allerdings hatten es Vorsorgesparer schon leichter als die verschuldeten Politiker und Banker noch nicht auf die privaten „Ersparnisse“ scharf waren.

Dietmar Braun

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